Universität Oldenburg
FB Physik Seminar zur Quantenmechanik
Die Dirac-Gleichung
Matthias Müller-Wehlau e-mail:wehlau@uni-oldenburg.de
Frank Detering e-mail:detering@uni-oldenburg.de
WS96/97
Im folgenden Seminarbeitrag geht es um das relativistische Äquivalent zur Schrödinger-Gleichung, die Dirac-Gleichung. Im ersten Teil wollen wir den historischen Weg ihrer Herleitung nachvollziehen, während sich der zweite Abschnitt mit der Anwendung der Gleichung befaßt
Grundidee der Dirac-Gleichung ist es, die Quantentheorie auf eine relativistiscche Basis zu stellen, also die relativistische Quantenmechanik
in einer Lorentz-kovarianten Form zu formulieren. Beim Übergang zur relativistischen Quantenmechanik wollen wir einige Prinzipien der nichtrelativistischen Theorie beibehalten:
- 1.
- Für ein gegebnenes physikalisches System existiert eine Zustandsfunktion
,
die das System hinreichend beschreibt. Wir verwenden die Darstellung der Zustandsfunktion in Koordinaten, die Wellenfunktion
,
wobei q
die klassischen und s spezielle quantenmechanische Freiheitsgrade darstellt. Die
positiv definite Quadratfunktion
 |
(1) |
wird dabei als die Wahrscheinlichkeit interpretiert, daß das System zur
Zeit t die Werte
annimmt. Die Summe aller Wahrscheinlichkeiten sei dabei
endlich.
- 2.
- Jeder physikalischen Observablen wird wird ein linearer hermitescher
Operator zugeordnet. Beispiel: Der kanonische Impuls pi entspricht in
Koordinatendarstellung
 |
(2) |
- 3.
- Ein physikalisches System ist in einem Eigenzustand des Operators
,
wenn gilt:
 |
(3) |
Dabei ist
der n-te Eigenzustand,
ist reel, wenn
hermitesch ist.
- 4.
- Entwicklungssatz: Eine beliebige Zustands-/ Wellenfunktion eines Systems ist nach einem vollständigen Orthonormalsatz von Eigenfunktionen eines vollständigen Satzes vertauschbarer Operatoren
zu entwickeln. Es gilt dann:
 |
(4) |
mit der Orthonormalitätsbedingung
 |
(5) |
Dabei kann der Betrag von an2 als die Wahrscheinlichkeit interpretiert werden, daß sich das System im n-ten Eigenzustand befindet.
- 5.
- Das Ergebnis der Messung einer physikalischen Observablen ist einer ihrer Eigenwerte. So ergibt die Messung der Observablen
den Eigenwert
mit der Wahrscheinlichkeit |an|2. Der Mittelwert über mehrere Messungen der Observablen
an identischen Systemen ist gegeben durch:
 |
(6) |
- 6.
- Die zeitliche Entwicklung eines physikalischen Systems gehorcht der Schrödinger-Gleichung
 |
(7) |
, wobei der Hamiltonoperator H linear und hermitesch ist.
In einem abgeschlossenen System ist H nicht zeitabhängig, also
,
seine Eigenwerte sind dann die möglichen stationären Zustände des Systems.
Aus der Hermitezität von H folgt ein Erhaltungssatz der Wahrscheinlichkeit:
 |
(8) |
Wir betrachten ein einfaches physikalisches System mit
eines freien Teilchens. Bei Übergang zur Quantenmechanik schreiben wir:
 |
(9) |
Dadurch erhalten wir die nichtrelativistische Schrödinger-Gleichung:
 |
(10) |
Diese Lösung ist jedoch nicht kovariant, die linken Seiten transformieren sich bei Lorentz-Transformation anders als die rechten. Der Ansatz eines nichtrelativistischen freien Teilchens führt nicht zum Ziel
Nach der speziellen Relativitätstheorie transformiert sich die Gesamtenergie E und die Raumimpulse
als Komponenten eines kontravarianten Vierervektors
 |
(11) |
mit invarianter Länge
 |
(12) |
Als Hamiltonoperator eines relativistischen Teilchens bietet sich daher an:
Damit erhalten wir ein relativistisches Analogon zu Gleichung 10:
Diese Gleichung erfüllt zwar unsere Forderung nach Kovarianz, die Interpretation des Wurzelausdrucks auf der rechten Seite erweist sich aber als schwierig. Damit stellt diese Gleichung keine attraktive Version der Schrödinger-Gleichung dar. Zur Vereinfachung dieser Gleichung umgehen wir den Wurzeloperator indem wir schreiben
H2=p2c2+m2c4
Da
erhalten wir
 |
(13) |
mit
 |
(14) |
Wir definieren
und
Wie man sieht, ähnelt Gleichung 13 der klassischen Wellengleichung.
Diese Gleichung ist als Klein-Gordon-Gleichung bekannt.
Wir wollen nun einen Strom konstruieren, für den der Erhaltungssatz
gilt, da die K-G-Gleichung eine Wellengleichung 2. Ordnung ist
und damit von der Form der Schrödinger-Gleichung abweicht.
Es ist also nicht möglich, äquivalent zur Schrödinger-Gleichung
eine Wahrscheinlichkeitsinterpretation anzugeben.
Zur Konstruktion eines Stroms multiplizieren wir Gleichung
13 mit
und substrahieren davon
das Produkt der komplex kunjugierten K-G-Gleichung und
.
 |
(15) |
 |
(16) |
 |
(17) |
oder anders formuliert:1
 |
(18) |
Dies hat die Form einer Kontinuitätsgleichung
mit der Wahrscheinlichkeitsdichte
und dem Wahrscheinlichkeitsstrom j.
Betrachtet man jedoch
,
so stellt man fest, daß
nicht positiv definit ist. Die Klein-Gordon-Gleichung ermöglicht also keine Wahrscheinlichkeitsinterpretation. Am physikalischen Sinn der K-G-Gleichung wurde lange gezweifelt.
Dirac suchte 1928 eine Gleichung der Form
,
da diese Gleichung linear in der Zeit ist, versuchte er den Hamiltonoperator linear in den zeitlichen Ableitungen zu formulieren.
Er benutzte folgenden Ansatz:
 |
(19) |
Dabei können die
nicht einfach Zahlen sein, da die Gleichung 19 sonst nicht einmal gegenüber räumlicher Drehung invariant wäre. Infolgedessen kann auch die Wellenfunktion
nicht skalar sein.
Dirac schlug nun vor, die Gleichung als Matrix-Gleichung zu interpretieren. Die Wellenfunktion
wird als Spaltenmatrix mit N Komponenten geschrieben:
Die Matrizen
sind also
Matrizen.
Gleichung 19 wird also ersetzt durch N gekoppelte Gleichungen 1. Ordnung.
 |
(20) |
Als Vereinfachung lassen wir im folgenden die Indizes weg, die Gleichung sieht wieder aus wie Gleichung 19, muss aber als Matrix-Gleichung interpretiert werden.
Berechnung der
:
Wenn die Gleichung als Ausgangspunkt dienen soll, muß sie die richtige Energie-Impuls-Beziehung liefern:
E2=p2m2+m2 c4.
Außerdem muß sie wie die Klein-Gordon-Gleichung eine Kontinuitätsgleichung liefern und dabei eine Wahrscheinlichkeitsinterpretation ermöglichen. Im übrigen bleibt die Forderung nach Lorentz-Kovarianz bestehen.
Wenn Gleichung 19 die richtige Energie-Impuls-Beziehung liefern soll, muß jede Komponente
von
die Klein-Gordon-Gleichung erfüllen, also:
Quadriert man Gleichung 19, so liefert dies:
für
:
weitere Eigenschaften:
müssen hermitesch sein
Eigenwerte von
,
da
Spur von
,
da

Da die Spur gerade die Summe der Eigenwerte ist, muß die Anzahl der positiven und negativen Eigenwerte gleich sein
N ist gerade. Dabei ist N>2, da man bei N=2 neben der Einheitsmatrix nur drei miteinander antikommutierende Matrizen finden kann, nähmlich die Pauli-Matrizen.
Die kleinste Dimension, die die obigen Forderungen an
erfüllt ist N=4.
Eine spezielle explizite Darstellung der Matrizen lautet:
Im folgenden Schritt konstruieren wir nun wie bei der Klein-Gordon-Gleichung ein differentielles Stromerhaltungsgesetz. Dazu definieren wir
und multiplizieren Gleichung 19 von links mit
.
 |
(21) |
Anschließend multiplizieren wir das hermitesch konjugierte von Gleichung 19 von rechts mit
:
 |
(22) |
Durch Substraktion von Gleichung 22 von Gleichung 22 erhalten wir:
oder
 |
(23) |
mit der Wahrscheinlichkeitsdichte
 |
(24) |
und dem dreikomponentigen Wahrscheinlichkeitsstrom
 |
(25) |
Durch Integration von Gleichung 23 über den ganzen Raum erhält man unter Verwendung des Greenschen Satzes:
Was die Interpretation von
als positiv definite Wahrscheinlichkeitsdichte rechtfertigt.
Für eine lorentzkovariante Formulierung schreiben wir die Diracgleichung
wie in der speziellen Relativitätstheorie mit Lorentzvierervektoren.
Bisher benutzten wir die Diracgleichung in der Form:
 |
(26) |
Gleichung26 multiplizieren wir von links mit
und identifizieren die Zeitableitung mit der
Ableitung nach der x0-Komponente eines Vierervektors
.
 |
(27) |
Für die
gilt die folgende Algebra.
 |
(28) |
Das läßt sich leicht nachrechnen, wenn man die Algebra der
Paulimatrizen verwendet:
 |
(29) |
Weitere Eigenschaften der

- 1.
-
sind antihermitesch und unitär.
- 2.
Beweis für 1.:

Da die
hermitesch sind.
Als weiter verkürzende Schreibweise führen wir hier noch den
sogenannten Feynman-dagger ein.
Und genauso:
Dadurch verkürzt sich die Diracgleichung zu:
 |
(30) |
Ohne die Lorentzkovarianz selbst zu beweisen, wollen wir hier nochmal
formulieren, was Lorentzvarianz im Falle der Diracgleichung bedeutet.
Ist
eine Lösung der Diracgleichung im ungestrichenen System
A, so muß im gestrichenen System B gelten:
 |
(31) |
Zudem muß eine explizite Vorschrift existieren, die es gestattet
aus der Lösung
zu berechnen.
Es läßt sich dann zeigen, daß die
unitär
äquivalent zu den
sind.
Aus Produktbildung der
-Matrizen kann man 16 linear
unabhängige
-Matrizen erzeugen, die damit eine Basis der
-Matrizen bilden.
Wir geben jetzt diese 16 Matrizen explizit an und beweisen ihre
lineare Unabhängigkeit.
Zunächst definieren wir noch den vollkommen antisymmetrischen Tensor
zweiter Stufe
.
Dieser Tensor tritt bei der
Betrachtung einer eigentlichen Lorentztransformation der
Diracgleichung auf.
![\begin{displaymath}\sigma_{\mu\nu}:=\frac{i}{2}[\gamma_{\mu},\gamma_{\nu}]=
\frac{i}{2}(\gamma_{\mu}\gamma_{\nu}-\gamma_{\nu}\gamma_{\mu})
\end{displaymath}](img89.gif) |
(32) |
Die Elemente des Tensors lassen sich leicht mit Hilfe der Algebra
für die Paulimatrizen berechnen.
Wir geben jetzt die 16 Matrizen mit ihren Bezeichnungen, die sie nach
ihrem Transformationsverhalten bekommen, und mit der Numerierung, wie
wir sie im Beweis der linearen Unabhängigkeit verwenden.
bzw.
bzw.
bzw.
Die Bezeichnung
ist noch ein historisches Relikt aus der
Zeit, während der die Komponenten der Lorentzvierervektoren von 1-4
durchnumeriert wurden und x4=ict die imaginäre Zeitachse war.
Beweis der linearen Unabhängigkeit der Gamma-Matrizen in vier Schritten.
- 1.
Nachrechnen und
benutzen!
- 2.
Auch hier erfolgt der Beweis durch Nachrechnen. Um dem Leser die
Arbeit zu erleichtern, geben wir eine Lösung an.
Tabelle:
Mögliche m, die die Behauptung 2. erfüllen
| n |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
| m |
3 |
2 |
2 |
2 |
2 |
2 |
2 |
14 |
14 |
14 |
2 |
2 |
9 |
9 |
9 |
|
Daraus ergibt sich für die Spur (außer für
):
- 3.
Auch hier der Beweis durch Nachrechnen, z.B. für a=12, b=9 ist
n=4 und
.
- 4.
- Beweis der linearen Unabhängigkeit:
Annahme:
von rechts mit
multipliziert.
Aus der Betrachtung der eigentlichen Lorentztransformation der
Diracgleichung ergibt sich, daß physikalische Observable bilinear
in
bzw. eine gerade Potenz davon sein müssen. Deshalb
betrachen wir jetzt noch das Verhalten bei einer
Lorentztransformation der bilinearen Form
.
Wobei
der sogenannte adjungierte Spinor ist, der auch im Beweis der
Lorentzkovarianz der Diracgleichung unter eigentlichnen
Lorentztransformationen auftritt.
transformiert sich wie ein Skalar:
transformieren sich wie Lorentzvektoren:
transformiert sich wie ein Lorentztensor
2.Stufe::
transformieren sich wie Pseudovektoren:
transformiert sich wie ein Pseudoskalar:
Was für Erkenntnisse liefert uns das über die Diracgleichung?
Die allgemeinste Form der Diracgleichung ist
,
wobei der Operator in der Klammer ein Lorentzskalar
sein muß.
Um dies zu erreichen hatten wir bereits auf den Impulsoperator
(ein Lorentzvektor) den Lorentzvektor
angewendet.
Damit wurde
zum Lorentzskalar. Für in
freies massebehaftetes Teilchen führt das zu:
Der Masseterm ist schon ein spezielles skalares Potential.
Wenn wir nun weitere äußere Felder einführen, müssen auch diese
sich in der Diracfgleichung wie Lorentzskalare transformieren.
Aus den obigen Überlegungen ergibt sich, daß es nur 5 Formen für
diese Felder geben kann:
- Skalare Felder
- Vektorfelder
- Tensorfelder
- Pseudovektorfelder
- Pseudoskalarfelder
Das Feld muß dann wie
von links mit dem entsprechen
multipliziert werden, und wird damit zum Lorentzskalar
Vcov.
Beispiele:
Skalares Potential
(z.B. Gravitationspotential)
Vektorpotential (z.B. elektromagn. Vektorpotential)

Tensorpotential (z.B. Anomales magnetisches Moment)
als
elektromagnetischer Feldtensor.
Für Potentiale, die sich wie Pseudovektor oder Pseudoskalare
transformieren, haben wir leider keine Beispiele. Falls der geneigte
Leser auch hierfür Beispiele kennt: Bitte eine kurze mail an die
Autoren.
-
- 1
- Bjorken, Drell 1995, ,,Relativistische Quantenmechanik``
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Die Dirac-Gleichung
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Nikos Drakos,
Computer Based Learning Unit, University of Leeds.
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The translation was initiated by Eberhard Hilf on 2000-03-13
Footnotes
- ... formuliert:1
- Vorfaktoren
zur Dimensionierung als Wahrscheinlichkeitsdichte
Eberhard Hilf
2000-03-13