Elektronische Informationen für die Physik

Eberhard R. Hilf

Wissenschaftliche Zeitschriften

Alle kommerziellen Verlage arbeiten intensiv an einer elektronischen Umsetzung ihrer zahlreichen bisherigen wissenschaftlichen Zeitschriften. Die neueren Entwicklungen der großen Verlage APS, IoPP, Elsevier Science, Springer Verlag in der Physik zeigen unterschiedliche Ansätze. Die wissenschaftlichen Zeitschriften bieten als Mehrwert eine Fachbegutachtung, perfekte Qualität in Bezug auf die Lesbarkeit am Bildschirm bzw. auf Papier, Bündelung mit inhaltlich verwandten Artikeln und einen Vertrieb über Bibliotheken. Bisher ist der Zugang zu den elektronischen Dokumenten zumeist an den Bezug der Papier-Versionen geknüpft. Hier sind neue Wirtschaftlichkeitsmodelle dringend erforderlich, denn von der jetzigen riesigen Zahl der Zeitschriften können sich die Universitäten nur einen immer kleineren Teil finanziell leisten - und von den so eingekauften Seiten wird nur ein verschwindend kleiner Teil wirklich gelesen. In meinem Fach spart die Bibliothek durch das Abbestellen umfangreicher Fachzeitschriften kommerzieller Verlage und den Übergang zu elektronischer (Fax oder email) Fernleihe sicher den überwältigenden Teil der laufenden Kosten-Einsparungen an Stellplätzen nicht mitgerechnet.

Das Nachdenken über Wirtschaftlichkeitsmodelle mag überflüssig erscheinen, da der überwältigende Teil der Physik-Zeitschriften von den beiden Fachgesellschafts-Verlagen APS und IoPP sowie dem kommerziellen Verlag Elsevier Science herausgebracht werden, die damit die Regeln setzen. Dies mag sich jedoch rasch ändern, wenn das Urheber-Recht den Anforderungen der Wissenschaft und den Möglichkeiten des neuen Mediums entsprechend angepaßt wird. Zumindest für wissenschaftliche Originalartikel besteht bei vielen Autoren das Interesse, daß der Artikel ein absolutes Eingangsdatum erhält (Prioritätssicherung), elektronisch verbreitet wird und nicht von Dritten geändert werden kann. Alles wird von den zentralen Preprint-Servern geleistet. Das Urheberrecht muß den freien Zugang zum Preprint auch nach Erscheinen des dann referierten und damit möglicherweise geänderten Zeitschriftenartikels respektieren. Es werden also letztlich institutionell garantierte, nichtkommerzielle Archive verlangt, die am ehesten die wirklich dauerhafte Archivierung des Preprint-Originals und die von dem Ergebnis einer Begutachtung unabhängige Erteilung eines Eingangsdatums gewährleisten müssen.

Die von den Verlagen geleisteten Mehrwertdienste (Begutachtung, darausfolgende Korrekturen, Vollständigkeit und bequeme Einsicht ("Lesbarkeit"), Suchbarkeit, etc. verlangen andererseits einen wirtschaftlichen Schutz, der diese Einsätze lohnend erscheinen läßt. Daher wird zwischen Autor und Verlag der Urheberrechtsvertrag vorgesehen. Das entspricht auch der inzwischen weitgehend üblichen "Netiquette" auf den Preprintservern und dem Interesse des Autors, den Leser auf die endgültige Fassung zu lenken, sobald diese vorhanden ist. Dazu erhält das Dokument auf dem Preprintserver einen Link als "Bypass", der die Suchanfrage nach dem Text zum (kostenpflichtigen) Verlagsserver lenkt. Für Fragen der Priorität in der Forschung müssen die Preprints aber zugänglich bleiben.
Die Weiterentwicklung des Copyrights ist derzeit in der Diskussion. So wird von manchen Autoren derzeit gefordert, daß der Autor das Recht erhalten möge, seinen Artikel unabhängig an mehrere Verlage zu senden. Er verringert dadurch das Risiko des Zeitverzuges bei einer Ablehnung. Daraus folgt natürlich, daß dann die Begutachtung für ihn kostenpflichtig sein wird. Schließlich gibt es teilweise den Wunsch, tatsächlich den Artikel im Original in verschiedenen Zeitschriften und Archiven erscheinen zu lassen, in der Hoffnung auf weiteste Verbreitung. Zwar gibt es hierzu Beispiele, weil die Gutachtersysteme der verschiedenen Verlage unverbunden sind, und derzeit eine Originalitätsprüfung verlagsübergreifend nicht statfindet. Aber mit den zu erwartenden verlagsübergreifenden Suchmaschinen wird dieser Wunsch obsolet werden. Die Gewohnheiten und Erwartungen schöpfen jedenfalls derzeit die elektronisch denkbaren Möglichkeiten bei weitem nicht aus.

Am zukunftsträchtigsten sehe ich natürlich Provider-Angebote, die auf das gesamte Bündel zukünftig notwendiger elektronischer Dienste für den Arbeitsplatz des Physikers zielen.

So hat der finanzielle Mangel eine Arbeitsteilung gefördert: Die Preprint-Dienste gestatten die Sicherung der Priorität eines Resultates. Sie gestatten, die gesuchten Informationen zu finden und integer (ungeändert) zu erhalten. Die Zeitschriften, elektronisch oder gedruckt, bieten eine Aufbereitung und Bewertung der wissenschaftlichen Leistung des Artikels (Begutachtung, professionelle verlegerische Aufbereitung).


E.R.Hilf, hilf@merlin.physik.uni-oldenburg.de
Endzustand dieses Teil-Dokumentes: 15.4.1997
Urheberrechtsbemerkung